Das Video von Sylvia Schedelbauer stellt eine direkte Interaktion mit einer Diskussion dar, die wir und einige Leute aus unserem gemeinsamen Umfeld in Berlin führen. Der 'äussere' Anlass oder Kontext zur Entstehung des Videos war das Projekt totale partizipation Radikale Entspannung, in dem wir versuchten in einem einwöchigen Treffen das Paradox der Absorption von Eigeninitiativen in neoliberalen Prozessen zu diskutieren und unsere Arbeits- und Lebensverhältnisse als 'KulturproduzentInnen', inklusive der eigenen Versticktheit, zu reflektieren.
Sylvia hat im Moment ein Stipendium, weshalb sie sich für längere Zeit in San Francisco befindet. Sie beschloss, direkt etwas zu unseren Gesprächen in Berlin beizutragen und fing an, Interviews mit Leuten zu machen, die Teil ihres Umfeldes dort sind. Es handelt sich bei ihren Gesprächspartnern also im weitesten Sinne ebenfalls um 'KulturproduzentInnen'. Die Interviews schickte sie dann, gebrannt auf DVD, zu uns nach Berlin. Hier dienten sie uns als eine Art Fern-Redebeitrag, ähnlich der Kommunikation mit einem Bildtelefon, und einige Aspekte, die in den Interviews zur Sprache kommen, wurden Bestandteile unsere Diskussion. Zudem wurde unsere Gruppe um weitere sechs Personen erweitert.
In den Interviews geht es dann auch jeweils um die besonderen individuellen Lebens- und Arbeitsbedingungen der befragten Personen. Sylvia wollte die Aspekte, die ihr dort zum Thema "Prekarisierung der Lebens- und Arbeitsverhältnisse" begegneten, in unsere Überlegungen einbringen. Ich fasse dabei die spontanen Interviews als eine Art grundlegenden Schritt auf, also das Nachdenken über "self-engagement" als Ansatz zu weiteren Schritten.
Steve Polta und Katherin McInnis erzählen unverblümt über ihre alltäglichen Arbeitssituationen. Beide sagen, sie müssen mehrere Jobs miteinander verbinden, multitasking ist für beide eine selbstverständliche Strategie. Dabei scheint fast zu wenig Zeit für die eigene künstlerische Arbeit zu bleiben. Das Motto könnte heißen: "Immer weiter machen, lieber nicht darüber nachdenken." Das kommt uns bekannt vor. Das ist es, was ich an diesen Gesprächen mag: Die Perplexität und dann der Anstoss, die Gemeinsamkeiten zu sehen.
Die Klärung des "self-engagements" als ersten Schritt. Oft ertappe ich mich mit meinen Freunden dabei––zum Beispiel beim Email-Austausch––sehr viel über einfache Strategien der Stressbewältigung und über unsere körperlichen Grenzen, und im Gegenzug über die "fast unstillbare Sehnsucht nach Entspannung"(1) zu sprechen. Arbeit, die sich in alle Lebensbereiche ausbreitet. Ich bin keine Verfechterin des Konzeptes "Freizeit", aber ich finde, dass zum Beispiel die Ökonomisierung von Freundschaften mehr als nur einen Gedanken wert ist.
Sylvia erwähnte auch öfter bei Telefonaten oder in Emails das Networking, eine weitere Motivation für die Entstehung der Interviews: Diese ermöglichen ihr Zugang zu einen bestenden lokalen Netzwerk.
Kara Herold spricht im Video dann auch aus feministischer Perspektive viel über die "Community" als Organisationsform, die die "Normalfamilie" ersetzt. Urbane Nomaden bauen und pflegen ein Netzwerk, mit dem sie sich gegenseitig unterstützen und innerhalb dessen sie operieren. Diese Struktur würde ich als Ausgangssituation und Basis für selbstorganisierte Arbeit sehen.
Aber: was bedeutet das, dass ich sozusagen "stängid" arbeite? Selbst das Treffen mit Freunden in der Kneipe ist schnell auch immer gleich Arbeitsbesprechung. Projekte werden abgecheckt, nach Wichtigkeit, nach Weiterkommen. Geht das nicht manchmal bis an die Grenzen der körperlichen Leistungsfähigkeit? Sich-Fit-Machen. Das ist Teil des Sich-Produktiv-Haltens. Der eigene Körper muss nutzbar bleiben. Wenn ich Stress, Regeneration und Reproduktion ins perfekte Gleichgewicht gebracht habe, bin ich also in der Lage, mich selbst am besten auszubeuten. Und was ist, wenn das auch noch Spass macht? Wie zum Beispiel Bill Daniel, der die freiwillige Selbstmarginalisierung als Weg wählt, um sie im nächsten Schritt auch noch zu romantisieren?
Die Selbstmarginalisierung verstanden also als freiwillige Strategie und somit als Lösung, sich nicht als "Opfer" wahrzunehmen. Ich liebe alles, was mich stresst––für mich funktioniert das nur als Offenbarungseid. So wird die eigene Lebensweise bis ins letzte verwertbar. Alles, was schwierig ist, wird verklärt... Zugegeben, gibt es einen Ausweg?
Eine weitere Frage, die ich in der gesamten Diskussion als grundlegend empfinde, kommt von Isabell Lorey: Sie definiert die Konstruktion des Selbst an sich als paradox und spricht von Subjekten, die unter der Prämisse der Selbstverwirklichung bereit sind, alles zu geben und dafür auch zu leiden. Ist der/die sich selbst als "alternativ" empindende Kulturproduzierende nicht womöglich perfekt verwertbar in neoliberaler Anrufuung?(2)
Was bedeutet das für uns? Radikale Entspannung? |